Es gibt keine zwingenden Beweise!

Viele sind auf der Suche nach der wahren Weltanschauung, der Weltformel oder tieferer Einsicht in das Wesen der Dinge. Wir suchen häufig, indem wir Fragen stellen, uns Argumentationen anhören oder lesend erschließen. Das Argument steht im Zentrum des Mainstreams der aktuell erfolgreichen (analytischen) Philosophie.

Dennoch gibt es keine Überzeugung, die man gegen den eigenen Willen erwerben kann. Von jemandem zu verlangen, die eigene Ansicht durch ein Argument zu brechen, funktioniert besonders im Bereich der Metaphysik schlechthin nicht. Wir können zwar in naturwissenschaftlichen Bereichen auf Studien und ihre Experimente verweisen. Aber auch sie setzen ein Studieninteresse, eine Rahmentheorie und eine Interpretation der (Mess-)Ergebnisse voraus.

Bei allem, was wir tun, inklusive unserer vollzogenen Erkenntnis, sind wir stets Handelnde. Wir sind von Wünschen und Überzeugungen Geleitete. Das heißt nicht notwendig, dass diese Wünsche und Überzeugungen unser Handeln und mithin unser Erkennen als Handlungsvollzug vollständig bestimmen. Aber sie bedingen es zu einem nicht unerheblichen Teil mit. So wenig, wie sich diese Bedingungen einfach wegabstrahieren lassen – vor allem in konkreten Situationen -, so wenig reichen sie aber hin, für das, was wir „Einsicht“ nennen. Das betrifft aber auch den Weg rationaler Argumentation. Auch er ist kein Mechanismus, der – angenommen er ist ohne Fehler konstruiert – sein Ergebnis einfach hin verbürgt. Er ist ein Weg, über den man etwas einsehen kann, wenn man bereit ist, sich auf ihn einzulassen. Am Anfang steht aber das Anvertrauen. Das Vertrauen, dass die Methode, dieses Weges für einen autoritatives Gewicht hat.

Insbesondere in der Philosophie gilt, wie Gottfried Gabriel (in: Information Philosophie 2 (2017), 44) schreibt:

„Grenzen der Begriffsanalyse tun sich zwar nicht in der Sache auf, aber im Blick auf deren Akzeptanz, wenn die Zustimmung verweigert wird. Unterscheidungen können nämlich nicht andemonstriert, sondern lediglich ansinnend plausibel gemacht werden. Daher hat deren Begründung oder Zurückweisung – der Nachweis ihrer Adäquatheit oder Inadäquatheit – keinen beweisenden, sondern einzig einen aufweisenden Charakter.“

Insbesondere die Methode der Phänomenologie lebt davon, dass man sich gemeinsam auf einen dialogischen Weg einlässt. Die Kraft des zwingenden Argumentes wird nicht einfach geleugnet, aber sie ist nachrangig hinter dem Erkenntnisinteresse. Ziel ist die Erkenntnis, nicht als durch Kohärenz, Konsistenz und Erklärungskraft möglichst zwingendes Begriffssystem, das sich im Wettbewerb der Theorien als „fittest survivor“ herausstellt, sondern die existenzielle Einsicht dahinein, was wir mit Theorien versuchen wollen, zu artikulieren und zu verstehen.

Die Mathematik mag von ihren Axiomen aus noch so zwingend sein. Die Frage, was wir durch sie von der Wirklichkeit einsehen, ist nicht unmittelbar klar (sind es die geistigen Strukturen unseres Denkens, die nun einmal, evolutionsbiologisch herausgebildet, faktisch sind wie sie sind, und nicht mehr; oder ist es die abstrakt universal begreifbare Struktur der Wirklichkeit selbst?).

Wenn wir nach der Realität als solcher und im Ganzen fragen, nach dem Unbedingten, dem Selbstzweck oder dem Sinn, dann kommen wir nicht ohne Freiheitsakt zu unserem Ziel: Wir müssen uns darauf einlassen, radikal (bis an die letzte Wurzel) alles in Frage zu stellen. Dafür benötigen wir auch die Begriffsanalyse und die strengen Argumente. Aber, wenn wir beim Vollzug des Unterscheidens selber angelangen, an die Bedingungen des Begriffs, ist der nächste Schritt keiner mehr, der begrifflich erzwungen werden könnte.

Der tranzendentale Schritt, ist ein Schritt der freien Zustimmung. Denn, wenn die wirklich existenziell bedeutenden Fragen erst dort anfangen, wo die Begriffsanalyse aufhört, d.i. jenseits des diskursiven Denkvermögens, dann sind hermeneutische Methoden des Verstehens gefragt. Mit anderen Worten: Niemand kann einen zu einer Weltanschauung zwingen. Wir entscheiden uns – bestenfalls auf Grundlage bestimmter Argumente und nicht nur aufgrund der Vorurteile unserer Wünsche und Überzeugungen – frei für sie.

Kann man aber dann überhaupt über Weltanschauungen sinnvoll diskutieren?

Das spekulative Denken sollte gerade hier das Moment der freien Zustimmung hervorheben, aber zurückhalten. Es sollte sich erst einmal im theoretischen Betrachten – auch über die Argumentationen hinaus dem Lebensgefühl nachspürend – üben.

Wer nicht nur andere, sonderb auch seine eigene Weltanschauung in Frage stellt, und wahrhaft sucht, der möchte dass sich die Realität selbst zeigt. Sie soll sich als das zeigen, was sie ist, nicht nur als das, wie wir sie gerne hätten oder aufgrund bestimmter Theorien vorkonstruieren. Sie kann sich aber nur zeigen, wenn wir auf sie aufmerksam, ohne voreilige Versuche begrifflicher Abstraktion. Zu begreifen bedeutet, verallgemeinern, anhand von Vergleichen und Unterscheidungen „etwas Bestimmtes“ mitteilen. Doch die Realität selbst ist als Grund aller Bestimmung immer mehr als nur „etwas Bestimmtes“. Sie ist selbst schon „größer als alles, was gedacht werden kann“, weil sie Bedingung der Möglichkeit des Denkens ist. Als solche geht sie jedem unterscheidenden Zugriff voraus, genauso wie wir uns als aktiv Erkennende nie begirfflich erkennen können, ohne uns bereits dabei wieder aus dem Blick zu verlieren. (Das Auge kommt im Gesichtsfeld nicht vor.)

Das letzte Sich-Zeigen der Wirklichkeit ist nur der freien Einsicht zugänglich. Es kann niemandem aufgezwungen werden. Und niemand kann diese Wirklichkeit je restlos begreifen.

Aber wir können miteinander auf sie zu gehen, uns in sie vertiefen und uns gegenseitig durch sie mitteilen. Philosophia perennis (die ewige Philosophie) ist kein erschöpfendes, ewig gültiges System, sondern der unerschöpfliche Vollzug des philosophischen Diskurses. Es lebt vom gegenseitigen Auf- und Hinweis auf die die Grenzen unseres Denkens, durch die wir über sie hinaus gelangen in einem Akt frei vollzogenen Einsehens.

Autor: Mind Walker

Philosophie und spekulative Mystik, Spiritualität und Ästhetik - dafür bin ich hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s